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BANG! Gotthard gibt Vollgas – Interview in München

BANG! Gotthard gibt Vollgas – Interview in München

München, 27.02.2014. Sie standen schon mit den ganz großen auf der Bühne: AC/DC, Bon Jovi oder Deep Purple. Sie füllen die großen Konzerthallen und haben eine riesige Fangemeinschaft. Gotthard, die Rockband aus der Schweiz, die schon mehrfach mit Platin und Gold ausgezeichnet wurde, veröffentlicht am 04. April 2014 ihr neues Album „BANG“. Nach dem tragischen Tod ihres Sängers Steve Lee vor etwas über drei Jahren, steht die Band nun wieder in den Startlöchern: mit positiver Energie, Tatendrang und vielen neuen Ideen. In München sprachen wir mit Gitarrist Leo Leoni und Bassist Marc Lynn über die neue Single, das Album, Selbstkritik und ihren neuen Sänger Nic.

SC: Interview um 10 Uhr in der Früh??? Was ist mit den Rockern passiert?
Marc: Die Rocker sind immer noch die Gleichen, aber die Organisatoren rund um eine Promotour haben halt kein Rockerfeeling … die Leute haben einen Bürojob, die wollen abends lieber frei haben und können sich nicht so reinfühlen, wie ein Rockerleben ist. Aber da muss man einfach durch; wir sprechen hier von etwa fünf bis zehn Tagen im Jahr, und in der restlichen Zeit – außer man hat einen frühen Flug – kann man ausschlafen.

SC:  Eure neue Single heißt „Feel what i feel“ – was sollen wir denn da fühlen? Was fühlt ihr?
Leo: Nic hat darüber geschrieben, wenn Du einen wirklich fantastischen Traum hast … die Frau Deiner Träume kommt darin vor und Du fragst Dich innerlich: Fühlst Du, was ich fühle? Hast Du denselben Traum?
Marc: Vertiefter gesagt geht es darum: Du hast diesen Traum, wachst am Morgen auf, und der Traum ist so real gewesen und beschäftigt Dich den ganzen Tag; Du spürst dieses Feeling den ganzen Tag hindurch. Das ist ein schöner Titel, ein toller Text, etwas, das jeden einmal beschäftigt und was jeder mal erlebt hat.

SC: Also sind die Rocker doch gar nicht so harte Kerle, sondern Männer mit großen Gefühlen?
Marc: Harte Schale, weicher Kern!

SC: Vor ein paar Jahren ist Euer damaliger Sänger Steve verstorben. Wie rappelt man sich nach einem solch tragischen Ereignis wieder hoch? Wie motiviert man sich wieder?
Leo: Life goes on… Für manchen hört das Leben auf, für den anderen geht das Leben weiter. So musst Du es sehen. Du kannst aufgeben und sagen „Alles ist vorbei!“ oder aber Du stehst wieder auf und machst weiter. Das ist genau das, was wir gemacht haben. Und da sind wir!
Marc: Wenn du nichts für eine Situation kannst, dann kannst Du Dich total crazy machen. Da kannst Du zum Psychiater gehen, aber die Situation bleibt trotzdem so, wie sie ist. Du musst lernen, es anzunehmen; dann kommst Du für dich weiter. Eigentlich ist es ganz logisch: letztlich bist Du sowieso nur für dich da – am Ende guckt jeder für sich.
Und an diesen Punkt musst du kommen: „Gut, jetzt geht es einfach weiter. Leb damit, fertig.“  Was willst du auch anderes machen?! Du hast keine Chance, du kannst es nicht ändern. Du kannst es Dir nicht auswählen, wenn jemand von Dir weggeht oder wenn jemand in Deinem Umfeld verunglückt. Das ist halt einfach Pech, Zufall, Destiny – und irgendwann ist es auch an Dir, dass Du gehen musst. Und dann ist es ja auch schön, wenn andere ähnlich empfinden und es bedauern, dass Du gehen musstest. Aber es ist nun mal ein Teil unseres Lebens.

SC: Gab es Momente, in denen man sagt „Wir lassen es jetzt einfach und gehen in Rente“?
Marc: Die Grundfrage „Weitermachen? Ja, nein, in welcher Konstellation?“ war schon da. Wir haben uns da aber sehr viel Zeit genommen und über sehr viele Dinge gesprochen; natürlich auch über die Vergangenheit. Wir kommen gut klar miteinander und wir hatten ja auch Erfolge – und jeder ist ein Pfeiler für diese Band; der eine Pfeiler steht halt etwas weiter vorne, aber der hintere Pfeiler ist auch wichtig. Wir wussten ja schon immer, dass wir eine gute Band zusammen haben – mit dieser speziellen Chemie! Also war es eigentlich keine Entscheidung mehr; und genau das haben wir auch immer kommuniziert: wir machen weiter, aber nur, wenn wir den Richtigen finden. Wir wollten keine schwache Alternative. Nein, es musste der Mann sein, bei dem man merkt: das ist Gotthard!

SC: Jetzt habt ihr ja wieder einen sehr starken Sänger und Songwriter gefunden – wie war der Einstieg für Nic – und wie war es auch für Euch, ein neues Bandmitglied mit dabei zu haben?

Leo: Natürlich war es eine lange Prozedur. Das Vorsingen für den neuen Sänger zog sich in die Länge – und am Ende war es einfach wichtig, den richtigen Typen zu finden. Und das beinhaltet nicht nur die Art, wie er singt oder wie er aussieht – sondern vor allem: Feeling. Beim Vorsingen hast Du Situationen, in denen Du sagst: „Sorry, aber das funktioniert gar nicht!“
Plötzlich müssen alle gemeinsam in einem Raum sitzen, er mit uns und wir mit ihm, man muss gemeinsam spielen und eigentlich das halbe Leben miteinander verbringen … der einzig richtige Weg, um weiterzumachen, bestand darin, jemanden zu finden, der unsere Herzen zum Beben bringt. Denn wenn er das schafft, dann schafft er das auch bei den Fans. Und zwischen all den guten Sängern war Nic, und wir dachten „Oh! Warte mal – der Typ ist wirklich gut. Da bekommen wir Gänsehaut“.

SC: Kanntet ihr Euch schon vorher oder habt ihr ein Casting gemacht?

Leo: Wir kannten uns nicht wirklich. Es waren 350 bis 400 Sänger zum Vorsingen da. Das ging nicht nur über einen Tag, sondern über eine längere Zeit. Nic wurde uns von einem gemeinsamen Freund empfohlen und zum Vorsingen gebracht.
Marc: Für Nic war die Situation schön: er suchte eine Band, er mochte unseren Stil und er wusste natürlich, was er mit uns bekommt – mehr, als wir wussten, was wir mit ihm bekommen. Er hatte das Vollpaket: eine Band, die funktioniert. Für uns war es schwieriger, weil wir jemanden wollten, der UNS berührt und diese gewisse Magie hat – da hat man einfach Respekt. Beim Vorsingen kommen manchmal Leute rein, die gehen nur an den Mikrofonständer, nehmen das Mikrofon und Du weißt: „Ok, das ist es nicht“, „Der steht zum ersten Mal vor einem Mikro“, „Der kann‘s jetzt überhaupt nicht“ oder „Das ist over the top“ – manchmal, ohne dass die auch nur einen Ton gesungen haben.
Leo: Es gab Situationen, in denen Leute reingekommen sind und so getan haben, als wären sie der beste Sänger der Welt. Und Du sitzt nur da und denkst Dir: „Sorry, the one who has left the building was one of them”. Es gab einfach so viele Gründe, sich für Nic zu entscheiden. Wir haben eine tolle Wahl getroffen – und BANG, hier ist er!

SC: Wie haben die Fans Nic angenommen?
Marc: Erst einmal weißt du es nicht, bevor Du ihn nicht mit einem Song präsentierst.
Leo: Aber wir hatten wirklich unglaublich tolle Unterstützung von den Fans. Noch bevor wir wirklich weiter gemacht haben, haben uns die Fans gesagt „Los, macht das! Wir werden Euch unterstützen!“. Und tatsächlich: nachdem wir das Album veröffentlich hatten und auf Tour waren, haben sie uns wirklich großartig unterstützt! Dafür sind wir sehr dankbar. Nic wurde gut akzeptiert – und wir sind happy.

SC: Am 4. April kommt Euer neues Album „BANG“ – was erwartet uns?
Leo: Eine geile Platte

SC: Hat sich mit der Veränderung der Konstellation der Band auch etwas am Sound geändert?
Marc: Was wirklich anders ist, ist, dass wir Nic in diesen zwei Jahren besser kennengelernt haben. Das heißt, wir wissen, wo seine stimmlichen Stärken sind, und konnten die Songs genau passend auf seine Stimme schreiben. Früher hatten wir ja immer hohe Stimmen. Nic hat eine tolle und tiefe Stimme – das hört man bei „Feel what I feel“; die Strophe ist ziemlich tief gesungen. Jetzt konnten wir also ein Produkt machen, das mehr auf Nic’s Stimme passte als beim letzten Mal. So konnten wir ihm den Support geben, dass er sich wohlfühlt, wo er singt, und dass er sein Beste geben kann. Auf der anderen Seite haben wir auch versucht, Dinge anzupacken, die wir bis heute noch nie oder schon lange nicht mehr gemacht haben, wie zum Beispiel wieder mal einen Blues zu spielen. Oder der Titelsong „Bang“, das ist so eine Art Boogie mit einem Shuffle á la ZZ Top, aber eben im Gotthard-Stil – das haben wir vorher noch nie gemacht.
Und wir hatten auch die Frechheit, zu sagen: sowieso spielen uns die wenigsten Radios, also lass uns einfach Musik machen – und wenn der Song geil ist, dann lass ihn uns aufs Album packen, auch, wenn er 10 Minuten lang ist. Ist doch egal! ABER: es soll immer nach Gotthard klingen.
Leo: Gotthard 2014 eben.

SC: Es gibt ja viele Bands, die sich am „Classic Rock“  versuchen … warum ist gerade Euer Stil und Euer Sound so eingeschlagen? Was ist das Besondere an Eurem Sound?
Leo: Wenn Du es mal 20 oder 25 Jahre im Musikbusiness geschafft hast, dann bist du „Classic“. Die Beatles zum Beispiel sind „Classic“!!
Marc: Wir haben Talent, Herz und gute Ohren. Und wir haben bei unseren Lehrmeistern aus den 60ern und 70ern gelernt, zuzuhören und unser Instrument damit zu leben. Damals hattest Du noch nicht diese Auswahl an Musik wie heute; da hattest Du Deine zwei neuen Alben und die hast du dann mal zwei Monate lang gehört, bist Du erstens wieder Geld hattest oder eine neue LP kam – deswegen kanntest Du alles auswendig! So hast du gelernt, auf jedes Instrument zu hören, es sozusagen in Dich einzusaugen – und der Rest ist dann das Talent. Wichtig ist auch die Selbstkritik; zum Beispiel die Erkenntnis: „Ne, das spiele ich noch nicht gut“. Das passiert uns heute noch – es gibt immer noch Dinge, die man halt nicht so gut spielen kann – man weiß es und dann muss man halt üben, damit es besser wird.
Leo: Auf einem Konzert von Gotthard zum Beispiel wirst Du immer junge Menschen, ältere Personen und auch Großväter sehen – that’s Classic!

SC: Welche Tipps habt ihr für Bands, die gerade am Anfang stehen? Casting-Shows? Labels abklappern?
Marc: Ein Rezeptbuch gibt´s ja nun mal leider nicht – sonst würde das jeder anwenden und jeder wäre ein Star und jeder hätte einen Hit. Aber was sehr wichtig ist: Teamfeeling, miteinander quatschen, Selbstkritik – das heißt: Songs schreiben, aufnehmen, anhören und sagen: Kriege ich einen Haken, wenn ich meinen Song höre? Ja? Nein? That´s it.
Leo: Als Musiker solltest Du Dir genau anhören und ansehen, was wirklich „Classic“ ist, was musikalisch 40, 50 oder sogar 100 Jahre überlebt hat – dann weißt Du, welche Richtung Du einschlagen musst. Und dann solltest Du Dich fragen: Bin ich gut genug? In den meisten Fällen ist die Antwort leider: nein.

SC: Seid ihr auch facebook-präsent?
Marc: Ja, aber wir sind nicht die Ober-Facebooker, die alles posten. Wir posten das meiste schon selber, aber wir haben auch eine Organisation, die einiges übernimmt  – das ist so ein Gemeinschaftsding; der eine kann das Video schneiden, der andere kann es aufnehmen und der Dritte kann es online stellen. Aber wir kommunizieren da nicht so viel. Auf Twitter sind wir gar nicht vertreten – jeden Furz, den ich lasse, muss ich auch nicht dokumentieren. Für uns ist es wichtig, den Leuten Infos zu geben über Konzerte oder Veranstaltungen zu geben oder ob wir gerade im Studio oder beim Mischen sind – grobe Infos eben.

SC: Live spielen oder Studio? Vermisst ihr die Bühne, wenn ihr im Studio seid?
Leo: Du bist da immer in einer bestimmten Phase – Live-Modus, Studio-Modus. Aber es passiert schon, dass Du im Studio bist und an neuen Songs arbeitest, aber dann trotzdem raus musst zum spielen. Natürlich bist du immer happy, rauszugehen und die Fans zu treffen. Und wenn du dann draußen warst und Deine Fans getroffen hast, dann bist du auch wieder happy, zurück ins Studio zu gehen und Songs zu schreiben. Wenn Du live spielst, dann spielst du halt einfach live. Aber was Du im Studio machst, das bleibt für die Ewigkeit – und für einen Musiker ist das natürlich extrem wichtig … wenn nicht sogar das Wichtigste.

SC: Was macht der Rocker in seiner Freizeit?
Marc: Ich gehe gerne Motorradfahren oder Go-Cart-Rennen.  Und ich habe gerne Partys; das wilde Leben und das Leben am Limit, Geschwindigkeit und so  das bringt mir die Freiheit. Ich liebe es, zu leben. Auf der einen Seite das Rennfeeling, wo du ans Limit gehst, und auf der anderen Seite das Motorrad; einfach große und gute Touren machen, um frei zu sein, Energien von der Umgebung oder den Bergen aufzusaugen. Das ist für mich cool!
Leo: Musik machen, Musik unterstützen, Gitarren sammeln.

SC: Wie oft übt ihr denn?
Leo: Wenn Du jeden Tag spielst, ist das genug Praxis; wenn Du jeden Tag tourst, dann hast Du immer eine Gitarre in der Hand. In der Musik kannst Du nie aufhören, zu lernen. Du lernst, indem Du Musik machst – und Du machst Musik, wenn Du sie lernst.
Marc: Wir üben intensiv gemeinsam vor einer Tour. Da gibt man einen Monat lang jeden Tag Vollgas. Am Wochenende nicht, aber fünf Tage in der Woche, drei bis vier Stunden im Proberaum. Die Grundlage muss aber da sein, und das lernt man zuhause, alleine.

SC: Seid ihr auch privat sehr eng befreundet und macht viel gemeinsam in Eurer Freizeit?
Leo: Fünf Personen gemeinsam in einer Band kommt einer Beziehung gleich. Die gute Nachricht daran: es ist eine tolle Beziehung. Die andere gute Nachricht: es handelt sich dabei nicht um Deine Freundin oder Deine Frau … Du kannst einfach heimgehen und frei haben. Wenn Du sehr viel Zeit zusammen verbringst, dann brauchst Du auch Deinen Freiraum. Wenn Du 20 bist, dann gehst Du auf ein Bierchen aus – mit 45 hattest Du genug Bierchen auf Tour.
Marc: Es ist eine gesunde Mischung. Jeder braucht seinen Platz und jeder braucht sein Leben, aber wir treffen uns ja fast jeden Tag oder hören uns zumindest. Aber als Band gemeinsam leben und essen – neee. Das ist zu übertrieben! Gerade die Distanz zu etwas bringt dir auch wieder die Frische. Manchmal nach einer langen Tour, wenn Du Dein Instrument mal einen Monat lang in die Ecke stellst, dann freust Du Dich nach diesem Monat mehr, wieder zu spielen, als wenn Du keine Pause machst. Ab und zu ist eine gewisse Distanz eben gut.

Das neue Album „Bang“ ist ab dem 04. April 2014 erhältlich. Gotthard live in München gibt es am 20.11.2014 in der Tonhalle – Tickets sollte man sich sichern, sobald der Vorverkauf startet … die Shows der Rockband sind heiß begehrt und schnell ausverkauft!

 

Interview: Susanna Chmiel